14.09.2026
Foto: dbn ki-generiert
Die Landkarte Österreichs ist kein Witzbuch. Sie ist ein Archiv. Slawische Personennamen, bajuwarische Rodungsbegriffe, eisenhaltige Quellen und ein paar Lautverschiebungen zu viel – und Jahrhunderte später steht da ein Schild, bei dem selbst der nüchternste Kartograf innerlich zusammenzuckt. Der Humor ist unbeabsichtigt und vielleicht genau deshalb so gut.
Fugging, Oberösterreich
Bis Ende 2020 Fucking. Benannt nach einem Siedler namens Focko, greifbar seit dem 11. Jahrhundert, ausgesprochen stets Fuhking. Dann kam das Englische. 2021 zog die Gemeinde die Konsequenz. Die Schilder sind einbetoniert. Die Geschichte nicht.
Unterstinkenbrunn, Niederösterreich
1147 als Stichundenprunne erwähnt. Keine hygienische Bankrotterklärung, sondern eine Quelle, deren eisenhaltiges Wasser nach Schwefel riecht und den Austritt rostrot färbt. Die Gemeinde führt das in Wappen und Chronik mit bemerkenswerter Gelassenheit.
Hühnergeschrei, Oberösterreich
Ein Mühlviertler Dorf, knapp vierzig Einwohner. Die Herkunft ist ungeklärt: Wildhühner, Hunnen, oder ein volksetymologisch verbogener Hünenschrein? Die Wissenschaft zuckt mit den Schultern. Die Ortstafel erledigt den Rest.
Edelschrott, Steiermark
Nicht das Premiumsegment der Wertstoffinsel. Slawisch jelen (Hirsch) plus mittelhochdeutsch schrôt (Rodung): die Rodung des Gelen. Das Wappen zeigt folgerichtig ein Hirschhaupt. Der moderne Beiklang ist ein Unfall der Lautgeschichte.
Busendorf, Niederösterreich
Ortschaft der Stadtgemeinde Mank, früher auch Pusendorf und urkundlich Pusindorf. Der Name geht auf den alten Personennamen Boso bzw. Buoso zurück – im Frühmittelalter so gewöhnlich wie heute Thomas. Mit Anatomie hat das Dorf so viel zu tun wie Melk mit Milchschaum: gar nichts. Es klingt nur so.
Fleischessen, Niederösterreich
Eine Rotte der Marktgemeinde Kilb, früher Vleischezzen, rund dreißig Einwohner. Im Mittelalter stand hier sogar ein Ansitz. Der Name sieht aus wie eine Speisekarte, ist aber ein alter Siedlungsname, dessen genaue Deutung in der Fachliteratur eher um den benachbarten Kälberhart kreist als um den Sonntagsbraten. Trotzdem: Wer von hier kommt, braucht auf keiner Familienfeier eine Visitenkarte.
Kotzgraben, Steiermark
Streusiedlung bei Bruck an der Mur, knapp zwanzig Einwohner, durchaus idyllisch. Der Name hängt vermutlich am slawischen Personennamen Choteš – analog zu Kotzersdorf bei Graz. Mit dem Münchner Oktoberfest-Hügel hat der Graben nur die Buchstaben gemeinsam. Den Beiklang trägt er trotzdem mit Fassung.
Poppendorf
Den Namen gibt es gleich mehrfach, unter anderem im Burgenland, in Kärnten und in der Steiermark. Meist steckt der alte Rufname Poppo oder Boppo dahinter, ein sogenannter Lallname des frühen Mittelalters. „Dorf des Poppo“ also. Dass poppen später eine zweite Karriere hingelegt hat, konnte Poppo im 8. Jahrhundert nicht ahnen. Pech für die Nachfahren. Glück für die Landkarte.
Waschpoint, Oberösterreich
Ortsteil von Pupping im Bezirk Eferding. Point bezeichnet in alten Flurnamen oft eine spitz zulaufende Parzelle oder einen Geländevorsprung. Eine Waschanlage war nicht vorgesehen. Der Name klingt trotzdem, als hätte jemand im 21. Jahrhundert ein Autohaus getauft.
Mösendorf, Oberösterreich
Dorf der Marktgemeinde Vöcklamarkt, an der B1, mit römischer Vorgeschichte. Der Name hat mit dem, was man hineinhört, nichts zu tun. Er steht trotzdem da – unschuldig, amtlich und jedes Mal ein kleiner Test für den Beifahrer.
Sexling, Oberösterreich
Ein harmloses Mühlviertler Dörfchen, nicht weit von Hühnergeschrei.
Afterbach, Niederösterreich
Ein Bach. Ein Ort. Ein Name, der im Neuhochdeutschen eine Bedeutung angenommen hat, die der mittelalterliche Flurname nicht meinte. Die Einwohner leben damit, seit es Kataster gibt.
Maria Elend, Kärnten
Keine theologische Diagnose, sondern eine alte Flur- und Siedlungsbezeichnung. In der Nachbarschaft: Maria Gail und Obergail. Wer die drei hintereinander aufsagt, hat unfreiwillig ein geistliches Kammerspiel inszeniert.
Großklein und Kleinklein, Steiermark
„Klein“ geht hier wahrscheinlich auf slawisch glina (Lehm) oder kljun (Schnabel) zurück. Dass beide Varianten existieren, wirkt wie ein Verwaltungsakt zur Relativität. Nur ohne Theorie.
Kleinzicken, Burgenland
Kein Miniaturtheater der Empfindlichkeit. Ein Dorf, dessen Name im heutigen Deutsch eine Bedeutung angenommen hat, die im Mittelalter niemand vorhersah. Die Ortstafel ist sprachgeschichtliches Beweismittel.
Wundschuh, Steiermark
Klingt nach einer sehr spezifischen Verletzung. Ist ein steirisches Dorf, dessen Silben sich erst in modernen Ohren verdächtig fügen. Die mittelalterliche Wortgrenze lag woanders.
Türkei, Kärnten
Keine diplomatische Enklave, sondern eine Flurbezeichnung aus der Zeit der Türkenkriege des 15. Jahrhunderts. Zwischen Maria Gail und Gottestal liegt also eine Türkei. Der Name ist geblieben. Die Osmanen nicht.
Jenseits, Oberösterreich
Ortsteil von St. Martin im Mühlkreis. Wer von dort kommt, darf behaupten, er sei zurück. Die Einheimischen tun das selten. Der Rest des Landes schon.
Rohr im Gebirge, Niederösterreich
Ein Bergdorf. Der Name funktioniert auf Deutsch so zuverlässig doppeldeutig, dass man den Kartografen des 19. Jahrhunderts fast Absicht unterstellen möchte. Es ist keine. Es ist nur Deutsch.
Pack, Steiermark
Pass und Gemeinde an der Grenze zu Kärnten. Der Name ist alt, knapp und unbestechlich. In einer Liste wie dieser wirkt er fast wie eine Pointe ohne Pointe – und genau deshalb gehört er dazu.
Das Muster bleibt dasselbe: ein Personenname, eine Quelle, eine Rodung, ein slawisches Wort. Dann Mundart. Dann die Gegenwart mit ihrem Sinn fürs Zweideutige. Österreich hat diese Namen nicht erfunden, um zu provozieren. Es hat sie behalten, weil niemand sie wegradierte – mit der bemerkenswerten Ausnahme von Fugging.
Das ist, bei Lichte betrachtet, die eleganteste Form von Humor: unbeabsichtigt, behördlich beglaubigt und auf jeder Landkarte nachzuschlagen.