14.09.2026
Foto: dbn ki-generiert
Am 25. Oktober werden in Österreich die Uhren wieder von drei auf zwei Uhr zurückgestellt. Eine Stunde wird doppelt erlebt, als ließe sich Zeit verwalten wie ein Behördenformular. Im kommenden März folgt das Gegenstück: eine Stunde verschwindet. Dieses Ritual wird gern als kleine Unannehmlichkeit abgetan. Doch die eigentliche Zumutung liegt weniger im Zeigerdrehen als in der politischen Endlosschleife dahinter.
Ein Energiesparmodell aus einer anderen Zeit
Österreich führte die heute geltende Sommerzeit 1980 wieder ein. Das zentrale Versprechen lautete: Wer das Tageslicht besser nutzt, braucht weniger Energie. Inzwischen haben sparsame Beleuchtung, veränderte Arbeitszeiten, Klimatisierung und digitale Geräte den Alltag grundlegend verändert. Der behauptete Spareffekt ist daher zumindest zweifelhaft. Trotzdem hält die Politik an einer Regel fest, deren ursprüngliche Rechtfertigung erodiert ist.
Der Mini-Jetlag ist nicht für alle klein
Viele Menschen verkraften die Umstellung rasch. Andere reagieren mit Schlafproblemen, Müdigkeit oder Konzentrationsschwierigkeiten; besonders die Vorverlegung im Frühjahr gilt als belastend. Für Kinder, ältere Menschen, Schichtarbeitende und Personen mit Schlafproblemen ist der Eingriff oft mehr als bloßes Jammern am Montagmorgen. Auch Betriebe, Fahrpläne und IT-Systeme müssen den Wechsel zuverlässig abbilden. Jeder einzelne Aufwand mag gering erscheinen – in Summe bleibt er ein wiederkehrender Preis ohne klar belegten Gegenwert.
Brüssel beschließt, die Staaten vertagen
2018 sprachen sich in einer EU-weiten Onlinebefragung 84 Prozent der Teilnehmenden für ein Ende der halbjährlichen Umstellung aus. Das Europäische Parlament votierte 2019 für die Abschaffung. Geschehen ist dennoch nichts, weil sich die Mitgliedstaaten nicht auf eine gemeinsame Dauerzeit einigen konnten. Das ist mehr als eine bürokratische Fußnote: Wer jahrelang ankündigt, ein überschaubares Problem zu lösen, und dann an der Koordination scheitert, beschädigt Vertrauen. Österreich sollte sich dabei nicht hinter „Brüssel“ verstecken. Eine europäische Lösung entsteht nur, wenn nationale Regierungen eine klare, wissenschaftlich begründete Position vertreten und tragfähige Kompromisse suchen.
Abschaffen – aber nicht kopflos
Die Abschaffung allein beantwortet freilich nicht die schwierigere Frage: Welche Zeit soll bleiben? Dauerhafte Sommerzeit verspricht helle Abende, würde aber im österreichischen Winter vielerorts sehr späte Sonnenaufgänge bedeuten. Dauerhafte Normalzeit entspricht nach Einschätzung vieler Fachleute eher dem natürlichen Hell-Dunkel-Rhythmus, verkürzt jedoch die hellen Freizeitabende im Sommer. Eine seriöse Entscheidung darf deshalb nicht durch eine populäre Momentaufnahme fallen. Sie muss Gesundheit, Schul- und Arbeitsbeginn, Verkehr, Tourismus sowie die Abstimmung mit Deutschland, Italien, Tschechien, der Slowakei, Ungarn, Slowenien und der Schweiz berücksichtigen.
Zeit für eine Entscheidung
Die Zeitumstellung ist nicht Österreichs größtes Problem. Gerade deshalb ist die jahrelange Untätigkeit so entlarvend. Eine Politik, die nicht einmal bei einem begrenzten, gut erforschten Thema zu einer koordinierten Entscheidung findet, darf sich über Politikverdrossenheit nicht wundern. Bis dahin heißt es am 25. Oktober wieder: eine Stunde zurück – und in der Debatte keinen Schritt weiter.