Ausgabe 2026/06

09.06.2026

Wien verbietet Altkleidercontainer auf öffentlichem Grund

Foto: dbn

Wien verbietet Altkleidercontainer auf öffentlichem Grund

Der Wiener Landtag hat eine Novelle zum Gebrauchsabgabegesetz beschlossen. Ab 1. Jänner 2027 ist damit die Aufstellung von Textilsammelcontainern auf öffentlichem Grund verboten. Die Organisation HUMANA Österreich sieht in dem Beschluss erheblichen Handlungsbedarf und fordert ein tragfähiges Ersatzkonzept. Andernfalls drohten Probleme bei der Erfüllung gesetzlicher Sammelpflichten, Rückschritte in der Kreislaufwirtschaft und der Wegfall einer über Jahrzehnte gewachsenen sozialen Infrastruktur.

Seit Jahrzehnten etabliertes Sammelsystem
Die Sammlung tragbarer Kleidung über Container ist in Österreich seit rund 40 Jahren etabliert. Nach Angaben von HUMANA entfallen 57 Prozent des Marktes auf karitative Sammler wie HUMANA, Kolping, Caritas, Rotes Kreuz und Volkshilfe. In Wien geben Bürger und Bürgerinnen nach Unternehmensangaben jährlich rund vier Millionen Kilogramm Kleidung in etwa 2.200 Sammelcontainern im öffentlichen Raum ab. Probleme wie Container-Plünderungen und illegale Ablagerungen bekämpfe HUMANA mit häufigeren Entleerungen und einer Service-Hotline.
Nach Darstellung der Organisation zeigt die Verwertung der gesammelten Kleidung die Funktionsweise der textilen Kreislaufwirtschaft: Laut Umweltbundesamt können 67 Prozent der gesammelten Stücke direkt wiederverwendet werden. Weitere 23 Prozent werden zu Putzlappen, Dämmmaterial, Abdeckvliesen und Recyclingfasern verarbeitet. Nur 9,7 Prozent gelten als Abfall, der thermisch verwertet werden kann. Kritiker des Verbots warnen deshalb, dass ohne Container deutlich mehr Alttextilien im Restmüll landen und verbrannt werden könnten.
In 20 HUMANA-Second-Hand-Shops in Wien, Graz und Salzburg werden dem Unternehmen zufolge jährlich mehr als eine Million Kleidungsstücke verkauft. Für HUMANA ist das ein konkretes Beispiel dafür, wie Wiederverwendung und textile Kreislaufwirtschaft in der Praxis funktionieren.

Kritik am pauschalen Verbot
HUMANA betreut nach eigenen Angaben 1.027 Container in Wien und sammelte damit im Jahr 2025 rund 2,24 Millionen Kilogramm Gebrauchtkleidung bei 55.459 Entleerungen. In den vergangenen 38 Monaten seien lediglich 89 Beschwerden dokumentiert worden. Insgesamt würden in Wien jährlich rund fünf Millionen Kilogramm Kleidung über Container gesammelt, davon etwa vier Millionen Kilogramm auf öffentlichem Grund. Die Textilsammlung der MA 48 komme im Vergleich dazu auf rund 350.000 Kilogramm. Kritik gibt es vor allem daran, dass das Gesetz nicht zwischen problematischen und funktionierenden Standorten unterscheidet, sondern sämtliche Bewilligungen pauschal beendet. Während Altglas, Altpapier und Verpackungen im öffentlichen Raum verbleiben dürfen, werden Alttextilien als einzige Sammelkategorie ausgeschlossen.

Rechtlich ist die Lage aus Sicht der Kritiker ebenfalls heikel. Seit 1. Jänner 2025 verpflichtet § 28b AWG 2002 zur getrennten, flächendeckenden Sammlung von Textilabfällen für Wiederverwendung und Recycling. Zudem verlangt die EU-Abfallrahmenrichtlinie ab April 2028, dass Textilhersteller die Organisation und Finanzierung der Altkleiderbehandlung sicherstellen. Nach dem Verbot würden stadtweit nur noch rund 600 Abgabestellen verbleiben, statt derzeit rund 2.800. Städtische Mistplätze könnten diese Lücke nach Ansicht von HUMANA weder räumlich noch mengenmäßig schließen. Andere österreichische Landeshauptstädte und große deutsche Städte setzen weiterhin auf Sammelcontainer im öffentlichen Raum.

"Wien sammelt jährlich fünf Millionen Kilogramm Gebrauchttextilien. Diese Menge verschwindet nicht, weil ein Gesetz es verlangt. Sie landet im Restmüll, wenn wir nicht sofort handeln. Genau das möchten wir verhindern. Statt die Sammelmenge durch ein Verbot zu reduzieren, sollte Wien sie verdoppeln", sagte Henning Mörch, Vorstandsmitglied und Mitglied der Geschäftsleitung von HUMANA Österreich.

HUMANA setzt auf Übergangslösungen
Das Gesetz ist beschlossen, die Organisation prüft jedoch nach eigenen Angaben die Rechtmäßigkeit des Beschlusses. Gleichzeitig setzt HUMANA auf Kooperation mit der Stadt und fordert Gespräche über praktikable Übergangslösungen.

Die Wiener Bevölkerung könne Kleidung weiterhin über bestehende Container sowie über die 20 Second-Hand-Shops von HUMANA abgeben, die künftig ebenfalls als Sammelstellen dienen sollen.

Ein Gespräch mit der Stadtregierung über Übergangslösungen und die Zukunft der textilen Kreislaufwirtschaft ist bereits vereinbart. HUMANA kündigte an, dort konstruktive Vorschläge einzubringen. Ob und in welcher Form ein Ersatzkonzept umgesetzt wird, ist derzeit offen.

"Wir bedauern diesen Beschluss ausdrücklich. Er ist ein Rückschritt für die Kreislaufwirtschaft und widerspricht dem, was Europa von uns verlangt. Aber HUMANA bleibt seiner gesellschaftlichen Verantwortung treu. Wir stehen als Sammelpartner weiterhin zur Verfügung, mit unseren Strukturen und unserem Know-how", sagte Henning Mörch.

Quelle: HUMANA - People to People

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