12.06.2026
Foto: dbn
Eine aktuelle Umfrage unter 324 Behandlerinnen und Behandlern des Projekts „Gesund aus der Krise“ zeigt: Social Media belastet viele Kinder und Jugendliche psychisch stark. Fachverbände unterstützen deshalb ein geplantes Verbot für unter 14-Jährige – fordern aber zugleich mehr Aufklärung und Medienkompetenz.
Instagram, TikTok, Snapchat und andere Plattformen sind für viele junge Menschen längst Teil des Alltags. Doch nach Einschätzung von Psychologinnen und Psychologen sowie Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten werden die Risiken häufig unterschätzt. In den Praxen der Behandlerinnen und Behandler von „Gesund aus der Krise“ zeigen sich zunehmend psychische Probleme, die durch Social Media verursacht oder verstärkt werden.
Der Berufsverband der Österreichischen Psychologinnen und Psychologen (BÖP) und der Österreichische Bundesverband für Psychotherapie (ÖBVP) sprechen sich daher klar für strengere Regeln aus. Auch Gesundheits- und Sozialministerin Korinna Schumann sieht Handlungsbedarf: „Die Auswirkungen von Social Media auf Kinder und Jugendliche sind heute im Alltag deutlich sichtbar.“ Betroffen seien unter anderem psychische Gesundheit, Körperbild, Selbstwahrnehmung und soziale Beziehungen.
Umfrage zeigt deutliche Warnsignale
Die im April 2026 durchgeführte Online-Umfrage unter 324 Behandlerinnen und Behandlern liefert alarmierende Ergebnisse. 74 Prozent der Befragten berichten von problematischem Social-Media-Konsum bei ihren Klientinnen und Klienten, 28 Prozent sogar sehr häufig. Bereits bei den 10- bis 13-Jährigen beobachtet ein Drittel der Behandlerinnen und Behandler eindeutig problematisches Nutzungsverhalten.
Besonders häufig genannt werden Probleme mit Selbstwert, Körperbild, Schlaf, Nutzungsverhalten und sozialer Unsicherheit. 82 Prozent der Behandlerinnen und Behandler stellen fest, dass Kinder und Jugendliche die digitale Nutzung oft nicht mehr selbstständig beenden können. 70 Prozent berichten von beeinträchtigtem Schlaf durch nächtliche Social-Media-Nutzung, 79 Prozent sehen andere Freizeitaktivitäten und Hobbys verdrängt.
Auch das Körperbild steht stark unter Druck: Drei Viertel der Behandlerinnen und Behandler geben an, dass Social Media das Körperbild von Kindern und Jugendlichen stark oder sehr stark beeinflusst. Bei weiblichen Klientinnen nehmen 71 Prozent eine starke Unzufriedenheit mit dem eigenen Aussehen wahr, bei männlichen Klienten sind es 38 Prozent. Zwei Drittel der Befragten warnen zudem davor, dass der Selbstwert junger Menschen stark an Likes, Follower und Views gekoppelt ist.
Unterstützung für Social-Media-Verbot unter 14 Jahren
Die Bundesregierung plant ein Social-Media-Verbot für unter 14-Jährige. Schumann bezeichnet dieses Vorhaben als wichtigen Schritt zum Schutz von Kindern und Jugendlichen. Gleichzeitig solle die Medien- und Gesundheitskompetenz gestärkt werden, damit junge Menschen digitale Inhalte besser verstehen und einordnen können.
Ao. Univ.-Prof.in Dr.in Beate Wimmer-Puchinger, Gesamtleiterin von „Gesund aus der Krise“ und Präsidentin des BÖP, unterstützt das Vorhaben: „Die Erfahrungen unserer Behandlerinnen und Behandler sowie internationale Studien lassen nur einen Schluss zu: Wir müssen unsere Jugend vor exzessivem Social-Media-Konsum schützen.“ Ein Verbot allein reiche jedoch nicht aus; notwendig seien begleitende Aufklärungsmaßnahmen.
Auch Priv. Doz. Mag. Dr. Oliver Scheibenbogen verweist auf wissenschaftliche Hinweise, wonach eine intensive Smartphone- und Social-Media-Nutzung vor dem 14. Lebensjahr langfristig mit psychischen Belastungen verbunden sein kann. Kinder könnten attraktiven digitalen Reizen entwicklungsbedingt schlechter widerstehen als Erwachsene, erklärt er.
Wenn der Feed zum Sog wird
Ein zentrales Problem ist das suchtfördernde Design vieler Plattformen. Algorithmen, endlose Feeds und personalisierte Inhalte sollen Nutzerinnen und Nutzer möglichst lange binden. In der Praxis beobachten 82 Prozent der Behandlerinnen und Behandler, dass Kinder und Jugendliche die Nutzung nicht mehr selbstständig beenden können. Laut Ö3-Jugendstudie 2026 kennen auch viele junge Erwachsene diesen „Sog des Feeds“.
Die Fachverbände sehen die Verantwortung daher nicht nur bei Eltern oder Kindern, sondern auch bei den Plattformbetreibern. Die Weltgesundheitsorganisation beschreibt mit dem Begriff der „Commercial determinants of health“, wie wirtschaftliche Interessen und Produktgestaltung Gesundheitsrisiken mitprägen können. Wenn Apps gezielt so gebaut seien, dass sie abhängig machen, müsse auch der Hersteller Verantwortung übernehmen, heißt es aus den Verbänden.
Mehr Unsicherheit im echten Leben
Neben Schlafproblemen und Körperbilddruck berichten Behandlerinnen und Behandler auch von sozialem Rückzug. 72 Prozent beobachten bei ihren Klientinnen und Klienten häufig oder sehr häufig soziale Unsicherheiten oder Angst in direkten Begegnungssituationen. Zudem nehmen direkte Gespräche und Begegnungen im Freundes- und Familienkreis laut 74 Prozent der Befragten ab.
Ein weiterer Trend sind digitale Selbstdiagnosen. Kinder und Jugendliche vergleichen psychische Symptome mit Inhalten aus sozialen Medien oder KI-Chatbots und erwarten anschließend in der Behandlung eine Bestätigung. Mag.a Barbara Haid, MSc, Präsidentin des ÖBVP, warnt, psychische Erkrankungen würden online oft verkürzt oder romantisiert dargestellt. Eine fundierte Diagnose müsse jedoch immer die individuelle Lebensgeschichte und das soziale Umfeld einbeziehen.
Eltern fühlen sich überfordert
Die Umfrage zeigt auch, dass Eltern Unterstützung brauchen: 87 Prozent der Behandlerinnen und Behandler erleben, dass Eltern mit der digitalen Mediennutzung ihrer Kinder stark oder sehr stark überfordert sind. Wimmer-Puchinger betont deshalb, dass ein verantwortungsvoller Umgang mit digitalen Medien eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe sei. Erwachsene müssten Vorbilder sein, zugleich brauche es klare Grenzen gegenüber großen Technologieunternehmen.
Medienkompetenz als Schutzfaktor
Fachleute betonen, dass Verbote nur ein Teil der Lösung sein können. Kinder und Jugendliche müssten lernen, digitale Inhalte kritisch einzuordnen, mit Online-Druck umzugehen und ihre psychische Gesundheit zu schützen. Haid formuliert es so: „Medienkompetenz bedeutet nicht nur zu wissen, wie digitale Plattformen funktionieren – sondern auch, die eigene Psyche schützen zu können.“
Scheibenbogen verweist auf die Bedeutung realer Erfahrungen: Emotionsregulation, Nein-Sagen, Selbstwert und soziale Interaktion lernten Kinder vor allem im direkten Kontakt mit anderen Menschen. Sein Appell lautet daher: „Reality first.“
„Gesund aus der Krise“ erreicht zehntausende junge Menschen
Das Mental-Health-Projekt „Gesund aus der Krise“ hat bereits mehr als 54.000 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene unterstützt. Finanziert wird die aktuelle Projektphase mit 35,15 Millionen Euro durch das Bundesministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz. Rund 1.500 Fachkräfte sind im Pool der Behandlerinnen und Behandler tätig, Beratungen und Behandlungen werden in insgesamt 27 Sprachen angeboten.
Eine Evaluierung der Universität Innsbruck bestätigt laut Projektangaben die Wirksamkeit des Angebots. Dafür wurden Daten von mehr als 15.000 jungen Menschen über drei Jahre hinweg ausgewertet. Angesichts der zunehmenden Herausforderungen durch Social Media wollen BÖP und ÖBVP die Kompetenz der Behandlerinnen und Behandler in diesem Bereich weiter ausbauen.
Quelle: Berufsverband Österreichischer Psychologinnen und Psychologen