12.06.2026
Foto: dbn
Zum Internationalen Tag gegen Gewalt an älteren Menschen am 15. Juni warnt der Pensionistenverband Österreichs vor einem oft verborgenen Problem. Präsidentin Birgit Gerstorfer fordert mehr Aufmerksamkeit, bessere Prävention und konkrete Maßnahmen im Rahmen der Pflegereform.
Gewalt gegen ältere Menschen findet häufig im Verborgenen statt – und ist dennoch weit verbreitet. Anlässlich des Internationalen Tages gegen Gewalt an älteren Menschen am 15. Juni fordert Birgit Gerstorfer, Präsidentin des Pensionistenverbandes Österreichs (PVÖ), verstärkte Anstrengungen zum Schutz älterer Menschen vor Gewalt, Missbrauch und Vernachlässigung.
„Gewalt im Alter ist ein oft verborgenes, aber weit verbreitetes Problem, das endlich stärker ins öffentliche Bewusstsein gerückt werden muss“, erklärt Gerstorfer. Ältere Menschen hätten ein Recht auf ein Leben in Würde, Sicherheit und Respekt.
Jede sechste Person über 60 betroffen
Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation erlebt weltweit etwa jede sechste Person über 60 Jahre innerhalb eines Jahres Gewalt oder Misshandlung. Fachleute gehen davon aus, dass die tatsächliche Zahl deutlich höher liegt, weil viele Fälle nie gemeldet werden.
Die Formen der Gewalt sind vielfältig. Sie reichen von körperlicher und psychischer Gewalt über Vernachlässigung bis hin zu finanzieller Ausbeutung. Besonders gefährdet seien laut Gerstorfer Frauen mit erhöhtem Pflegebedarf oder Demenz. „Wir dürfen hier nicht wegschauen“, betont sie.
Viele Betroffene suchen keine Hilfe
Viele ältere Menschen wenden sich nicht an Hilfsstellen – aus Angst, Scham oder weil sie von den Täterinnen oder Tätern abhängig sind. Andere können aufgrund von Pflegebedürftigkeit oder demenziellen Erkrankungen keine Unterstützung mehr selbst organisieren.
Auch nicht sichtbare Formen der Gewalt bleiben oft lange unentdeckt. Dazu zählen Demütigungen, soziale Isolation, psychischer Druck oder finanzielle Ausbeutung. Gerstorfer sieht daher auch das Umfeld in der Verantwortung: Angehörige, Nachbarinnen und Nachbarn, Hausärztinnen und Hausärzte sowie Pflegekräfte könnten entscheidend dazu beitragen, Warnsignale frühzeitig zu erkennen.
Überforderung als Risikofaktor
Der PVÖ weist darauf hin, dass Gewalt im Pflege- und Betreuungsalltag auch aus Überforderung entstehen kann. Pflegende Angehörige würden viel leisten, stießen aber häufig an körperliche, psychische und finanzielle Grenzen.
„Wer Gewalt verhindern will, muss deshalb auch Überforderung verhindern“, sagt Gerstorfer. Unterstützung und Entlastung seien in vielen Fällen die beste Prävention. Der Pensionistenverband fordert daher den Ausbau von Tageszentren, mobilen Pflege- und Betreuungsangeboten sowie flächendeckenden Informations- und Beratungsstellen für pflegende Angehörige.
Gewaltschutz als Teil der Pflegereform
Eine zukunftsorientierte Pflegereform müsse nach Ansicht des PVÖ konkrete Maßnahmen zum Schutz älterer Menschen enthalten. Dazu zählen mehr Entlastungsangebote für pflegende Angehörige, der Ausbau mobiler Dienste, ausreichend Personal, gute Arbeitsbedingungen und einheitliche Qualitätsstandards in Pflege und Betreuung.
Darüber hinaus brauche es gezielte Schulungen zur Früherkennung von Gewalt, klare Handlungsabläufe bei Verdachtsfällen sowie psychologische Begleitung für Betroffene und Angehörige. „Gewaltschutz darf kein Nebenthema sein. Er muss ein zentraler Bestandteil einer modernen Pflegepolitik sein“, fordert Gerstorfer.
Beratung für Betroffene und Angehörige
Mit der PVÖ-Lebenshilfe bietet der Pensionistenverband professionelle Unterstützung für Menschen in schwierigen Lebenssituationen an. Betroffene, Angehörige und Personen aus dem sozialen Umfeld können sich beraten lassen und Hilfe in Anspruch nehmen.
„Niemand sollte mit Gewalterfahrungen alleine bleiben“, betont Gerstorfer. Ein vertrauliches Gespräch könne der erste Schritt sein, um Unterstützung zu erhalten und Auswege aus belastenden Situationen zu finden.
Appell an Politik und Gesellschaft
Zum Abschluss appelliert die PVÖ-Präsidentin an Politik und Gesellschaft, dem Thema mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Gewalt nehme Betroffenen Lebensqualität, Sicherheit und Würde. Deshalb müsse Gewaltprävention als gesamtgesellschaftliche Aufgabe verstanden werden: durch Information, Sensibilisierung, Unterstützung und konsequentes Handeln im Verdachtsfall.
Quelle: Pensionistenverband Österreichs