Ausgabe 2026/03

11.03.2026

Sparen an der Psyche: Experten warnen vor massiven Folgen für Österreich

Foto: dbn

Sparen an der Psyche: Experten warnen vor massiven Folgen für Österreich

Die aktuellen Sparmaßnahmen im psychosozialen Bereich stoßen bei Fachorganisationen auf scharfe Kritik. Laut pro mente Austria drohen die Kürzungen die stabilen Versorgungsstrukturen, die über Jahrzehnte aufgebaut wurden, nachhaltig zu beschädigen. Besonders betroffen seien Menschen in ohnehin schwierigen Lebenssituationen – etwa Jugendliche in prekären Verhältnissen, arbeitslose Personen mit psychischen Erkrankungen und Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen.

„Psychische Erkrankungen verschwinden nicht, wenn Budgets sinken“, warnt Günter Klug, Präsident von pro mente Austria. Werden Angebote reduziert, würden Krankheiten oft chronisch und später in kostspieligeren Bereichen wie dem Gesundheits- oder Pflegesystem auftauchen. Einsparungen seien daher „eine teure Illusion“.

Existenzielle Einschnitte im Sozialministeriumservice
Besonders drastisch wirkt sich die schrittweise Reduktion der Mittel im Ausgleichstaxfonds (ATF) aus. Der Zuschuss soll bis 2029 von 65 auf 15 Millionen Euro sinken. Gernot Koren, Vizepräsident von pro mente Austria, spricht von „strukturellen Einschnitten“, die Einrichtungen an die Grenze ihrer Existenz bringen. Schon jetzt müssten Projekte verkleinert oder geschlossen werden, Fachkräfte wanderten ab.
Eva Blagusz vom Vorstand ergänzt, dass Unterfinanzierung zu langen Wartelisten und fehlenden Perspektiven führe – insbesondere für junge Menschen, deren Entwicklungschancen dadurch massiv beeinträchtigt würden.

AMS-Budget unter Druck: Arbeitslose mit psychischen Problemen besonders betroffen
Auch im Bereich der Arbeitsmarktpolitik verschärft sich die Lage. Das AMS-Budget wurde bereits in zweistelligem Prozentbereich gekürzt, während der Bedarf steigt. Allein im Jänner 2026 nahm die Arbeitslosigkeit unter Menschen mit Behinderungen um 13,9 Prozent zu – fast viermal so stark wie im Durchschnitt.

Rund 210 Projekte des Netzwerks Berufliche Assistenz unterstützen derzeit jährlich etwa 110.000 Teilnehmer. „Der Bedarf steigt, die Mittel sinken – dieses Spannungsverhältnis ist unhaltbar“, so Koren.

Nullvalorisierung als „stille Kürzung“
Mehrere Sozialbudgets werden 2026 lediglich nominell fortgeschrieben. Steigende Personal‑ und Sachkosten führen so zu einem realen Leistungsabbau. Sozialunternehmen können höhere Kollektivvertragsabschlüsse, Energiekosten oder Infrastrukturaufwendungen nicht mehr kompensieren. Laut Koren werden über Jahre gewachsene Strukturen „schleichend ausgehöhlt“.

Was jetzt nicht gefährdet werden darf
Trotz der angespannten Lage sieht pro mente Austria zentrale Pfeiler, die unbedingt erhalten bleiben müssen: der Ausbau klinisch‑psychologischer Behandlung, die funktionierende Sozialpartnerschaft und vor allem die engagierten Mitarbeiter in den Einrichtungen. „Unsere Strukturen funktionieren nur durch Menschen, die tagtäglich unter schwierigen Bedingungen Verantwortung übernehmen“, betont Koren.
Kürzungen hätten zudem negative Auswirkungen auf die Attraktivität des Berufsfeldes. Junge Menschen suchten sichere Arbeitsplätze – dauernde Sparmaßnahmen wirkten abschreckend, erklärt Blagusz.

Forderung nach bundesweitem Aktionsplan
Pro mente Austria fordert einen verbindlichen Aktionsplan Psychische Gesundheit mit klar definierten Versorgungszielen und langfristiger Finanzierung. Psychische Gesundheit dürfe nicht nur projektbezogen behandelt werden, sondern brauche eine umfassende Struktur – von Prävention bis Rehabilitation.

Internationale Beispiele wie Island zeigen laut Klug, dass frühzeitige Investitionen langfristig enorme gesellschaftliche Gewinne bringen können. Wo hingegen gespart werde, explodierten später die Folgekosten – wie etwa Entwicklungen im britischen NHS belegten.

Psychische Gesundheit betrifft alle
Psychische Erkrankungen könnten jeden treffen, betont die Organisation. Investitionen in psychosoziale Versorgung seien daher kein Randthema, sondern eine Voraussetzung für gesellschaftliche Stabilität, Teilhabe und Zukunftsfähigkeit.

Text/Quelle: pro mente Austria

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